Startseite> consilium> Podcast> consilium - der Pädiatrie-Podcast - Folge 18

consilium - DER PÄDIATRIE-PODCAST - Folge #18 - 21.10.2022

 

consilium – der Pädiatrie-Podcast

mit Dr. Axel Enninger

consilium Podcast mit Dr. Axel Enninger

 

Gemeinsam Kinder heilen: Schnittstellen zwischen Klinik und Praxis

 

Axel Enninger: Heute spreche ich mit: DR. SEBASTIAN BARTELS

 


 

DR. AXEL ENNINGER…

… ist Kinder- und Jugendarzt aus Überzeugung und mit Leib und Seele. Er ist ärztlicher Direktor der Allgemeinen und Speziellen Pädiatrie am Klinikum Stuttgart, besser bekannt als das Olgahospital – in Stuttgart „das Olgäle“ genannt.

Sprecherin: consilium der Pädiatrie-Podcast mit Dr. Axel Enninger.

Axel Enninger: Herzlich willkommen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, zu einer neuen Folge von consilium, dem Pädiatrie-Podcast. Mein heutiger Gast ist Dr. Sebastian Bartels und Sie werden merken, diese Folge ist ein bisschen anders als die anderen Folgen, denn wir haben kein medizinisches Thema, sondern wir haben ein Schnittstellen- und Kommunikationsthema. Herzlich willkommen, Herr Bartels!

Sebastian Bartels: Vielen herzlichen Dank für die Einladung.

Axel Enninger: Ja, wie kam Herr Bartels zu der Einladung? Er kam zu der Einladung so, dass er uns geschrieben hat. Er hat uns nämlich geschrieben und gesagt: ‚Hier, Podcast, wunderbar, ich mache mal ein Themenvorschlag und der Themenvorschlag wäre Schnittstelle Klinik und Praxis.‘ Und da haben wir gesagt, das Thema klingt cool und haben ihn gleich gefragt: ‚Würden Sie denn auch mit uns reden wollen?‘ Da konnte er schlecht nein sagen und hat ja gesagt. So kam es, oder?

Sebastian Bartels: Genau richtig, ja. Ich freue mich, heute hier zu sein und genau dieses Thema mit Ihnen besprechen zu dürfen.

Axel Enninger: Also, Herr Bartels ist Kinder- und Jugendarzt. Er hat seine Facharztausbildung in Koblenz gemacht und hat zusätzlich den Schwerpunkt Sozialpädiatrie erworben. Und wenn ich es richtig gesehen habe, ist er seit Januar 2020 niedergelassener Kinder- und Jugendarzt in Montabaur.

Sebastian Bartels: Das ist richtig. Vielleicht als Ergänzung: seit Mitte 2020 in einer Gemeinschaftspraxis mit einer ärztlichen Kollegin und einer angestellten Ärztin.

Axel Enninger: Wir haben im Vorfeld ein paar Themen identifiziert, die wir beide wichtig fanden, wir haben aber auch im Vorfeld gemerkt, dass wir zu diesen Themen nicht immer einer Meinung sind. Wir haben festgestellt, dass der niedergelassene Kinder- und Jugendarzt und der Klinikarzt zu manchen Themen einfach andere Sichtweisen haben. Was aber vielleicht schon Teil des Ziels dieses Podcasts ist, nämlich, dass man sich in gewisser Weise dafür sensibilisiert, dass der andere / die andere eine andere Sichtweise hat und dass das völlig normal ist und auch so gehört. Starten wir doch einfach einmal mit dem „Image-Thema“. Ein Image-Thema ist ja, dass der Klinikarzt denkt, der niedergelassene Kinder- und Jugendarzt macht nur Larifari-Pillepalle-Medizin, nichts Kompliziertes. Sagen Sie mal etwas dazu.

 

Husten, Schnupfen, Flitzekacke in der Praxis – Gute, umfangreiche Medizin nur in der Klinik?

Sebastian Bartels: [schmunzelt] Ja, das ist das gern genannte Vorurteil. In der Praxis ist nur Husten, Schnupfen, Flitzekacke. Die gute und umfangreiche Medizin findet in der Klinik statt und ich denke, genau dafür ist es heute eine gute Gelegenheit, damit ein bisschen aufzuräumen. Ich denke, die Praxen haben einen absolut großen Stellenwert in der medizinischen Versorgung. Sie waren gerade in den letzten zwei Jahren in Coronazeiten der große Schutzwall auch für die Kliniken und beweisen sich täglich in der ambulanten Versorgung mit einem sehr breit aufgestellten Fachspektrum. Das ist deutlich mehr als die Larifari-Medizin, die man vermeintlich auch in jungen Jahren als Assistent im Notdienst dem niedergelassenen Pädiater zuschiebt.

Axel Enninger: Im Übrigen ist ja auch jeder niedergelassene Kinder- und Jugendarzt, wenn er jetzt nicht „Jungangestellter“ ist, auch in der Tat Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, hat also eine Facharztausbildung hinter sich.

Sebastian Bartels: Das auf jeden Fall. Einige haben sogar noch zusätzliche Schwerpunkte und arbeiten nicht nur im allgemeinpädiatrischen Bereich, sondern auch in fachspezifischen. Gerade die genannte Sozialpädiatrie hat ein Spektrum, das alle niedergelassenen Pädiater berührt und das letztendlich auch ein großer Bereich ist, der in der Klinik nicht in diesem Maße präsent ist. Der begegnet einem dann tatsächlich erst, wenn man in der Praxis tätig wird.

Axel Enninger: Ich erinnere ich mich noch daran, dass ich, als ich für die Facharztprüfung lernte, was schon das eine oder andere Jahrzehnt her ist, ich mir auch erst einmal überlegen musste, wie viel Klötzchen muss ich denn in welchem Alter aufeinander stapeln können und wann kann man Dreiradfahren und wann kann man alle möglichen Dinge tun. Da sind wir oder die allermeisten Klinikärzte wahrscheinlich eher überfordert. Aber lassen Sie uns mal mit konkreten Dingen starten und uns darüber unterhalten, wo es manchmal knirscht. Ein solches klassisches Thema ist das Thema der stationären Einweisung. Da gibt es auf der einen Seite für uns Kliniker den Punkt, dass völlig klar ist, schwerkranke Kinder und Jugendliche gehören stationär behandelt, das ist unser Job. Die Definition von „schwerkrank“ ist manchmal nicht so ganz einfach. Bestimmte Dinge sind, glaube ich, klar und bestimmte Dinge sind so ein bisschen „grauzonig“. Sagen Sie doch mal aus Ihrer Sicht, was ganz gut läuft und was vielleicht auch nicht immer so super läuft.

 

Gegenseitiges Verständnis für getroffene Entscheidungen

Sebastian Bartels: Ja, ich denke, die glasklaren Fälle – der meningitische Patient und so etwas – die müssen wir nicht besprechen, die sind eindeutig und werden zu keinerlei Diskussionen führen, weder in der Klinikaufnahme noch später. Die Schwierigkeit in der Praxis ist manchmal die Momentaufnahme der Einschätzung. Es gibt durchaus Patienten, die wir hier sehen… wir müssen eine Entscheidung treffen, wie es weitergehen soll. Das Kleinkind, das achtmal erbrochen hat, keine Flüssigkeit geht mehr rein. Es sieht schon total malade aus, zeigt erste Zeichen der Dehydrierung und man muss sagen: ‚Okay, das gehört jetzt in die Klinik, da geht kein Weg mehr dran vorbei.‘ Dann fahren die Eltern aber erst einmal noch nach Hause, machen einen großen Umweg. Plötzlich trinkt es doch, es kommt kein neues Erbrechen mehr. Kurz vor der Klinikaufnahme wird dann noch eine große Capri-Sonne abgepumpt und das Kind hat auf einmal wieder ein strahlendes Lächeln und sitzt da in der Aufnahme und der Assistent guckt auf den Einweisungsbeleg und denkt sich: ‚Was will der eigentlich? Ist doch alles super.‘ Also, da würde ich mir wünschen, weil es da manchmal natürlich auch anders laufen kann, aber in dem Moment musste bei uns in der Praxis die Entscheidung getroffen werden, dass da ein bisschen Verständnis dafür vorhanden ist, dass sich auch einmal eine Situation verändern kann und dass es dann trotzdem keine schlechte Entscheidung war, zwei Stunden vorher die Einweisung auszusprechen.

Axel Enninger: Unser Job ist ja dann immer zu überprüfen, ob eine stationäre Aufnahme tatsächlich indiziert ist. Das ist auch für manche niedergelassenen Kinder- und Jugendärzte immer noch nicht präsent. Manche denken, sie füllen einen Einweisungsschein aus und damit hat der Patient quasi ein Anrecht auf die stationäre Aufnahme. Das ist rein rechtlich nicht so. Rein rechtlich ist es so, dass der aufnehmende Arzt die Indikation stellt und auch dafür haftet, wenn es irgendwelche MDK-Anfragen gibt, ob er denn jetzt wirklich so krank war. Das ist für uns immer noch wichtig, dass das Ausstellen des Einweisungsscheins nicht bedeutet, der hat jetzt ein Anrecht auf ein Bett, sondern wir müssen das immer noch einmal überprüfen, weil es eben genau solche Situationen gibt, dass Sie sagen: ‚Okay, vor zwei Stunden war der noch ganz anders und jetzt könnte man sagen, das Kind ist doch halbwegs fit und lasst es uns doch noch ambulant versuchen.‘

 

Hilfreich: Anruf in der Klinik über ein Einweisertelefon

Sebastian Bartels: Genau. Und gleichzeitig ist auf der anderen Seite auch manchmal die Einweisung das Dokument der rechtlichen Sicherheit auf Seiten des Niedergelassenen, der sagt: ‚Okay, das ist eine Situation, die kann ich so ambulant nicht sicher führen‘, oder: ‚Da begebe ich mich in einen Graubereich‘, und dementsprechend aus Sicherheitsgründen eine Einweisung auszustellen. Wichtig ist mir einfach immer… Im Prinzip ist ja für den Niedergelassenen in den meisten Fällen – außer der geplanten stationären Aufnahme, die wir hier ausklammern – die notdienstliche stationäre Einweisung immer so eine kleine Niederlage. Letztendlich wollen wir ja auch vermeiden, dass der Patient und die Eltern am Ende im Krankenhaus leiden. Jeder weiß das, keiner will ins Krankenhaus, wir Ärzte schon nochmal viel weniger, weil wir das aus einer anderen Perspektive sehen. Aber wenn wir wissen, wie so ein Kind und die Eltern unter einer stationären Behandlung doch meistens leiden mit dem ganzen Drama im familiären Umkreis, dann möchte man das mit allen Mitteln vermeiden. Und wenn man doch eine Einweisung ausstellt, tut man das nicht einfach so unbedacht. Das sollte zumindest das Anliegen eines jeden Niedergelassenen sein. Wünschenswert ist – oder so mache ich es in der Regel, wenn ich jemanden stationär notfallmäßig einweise, der sofort in die Klinik soll, dann möchte ich in der Klinik anrufen, entweder persönlich oder lasse das durch meine Mitarbeitenden machen.

 

Erreichbarkeit der Kinderarztpraxis manchmal schwierig

Axel Enninger: Okay, das ist natürlich auch immer das Thema der Erreichbarkeit. Sie würden sich wahrscheinlich wünschen, dass es immer einen Ansprechpartner gibt. Das versuchen wir hier zu gewährleisten. Hier bei uns in Stuttgart gibt es ein Einweisertelefon, aber wenn die Bettenbelegungsmanagerin, die dieses Einweisertelefon trägt, nicht da ist – nicht mehr da ist oder erkrankt – dann haben wir manchmal ein Problem, dieses Telefon zu besetzen und dann ist es für den Niedergelassenen schwierig uns zu erreichen. Das verstehen wir schon. Umgekehrt haben wir manchmal genau das gleiche Problem. Wir sehen da jemanden, es ist normaler Werktag und eigentlich denken wir, die Praxis hat noch geöffnet. Dann sagen wir also: ‚Hier, Herr Bartels, das Kind ist puppenlustig und wir würden den gern wieder nach Hause schicken. Sind Sie einverstanden?‘ Dann ist es für uns manchmal schwierig, dass wir in irgendwelchen Praxiswarteschleifen hängen: ‚Drücken Sie 1 für das Rezept. Drücken Sie 2 für einen Termin. Drücken Sie 3, wenn Sie privat versichert sind.‘ Spätestens dann hat man die Nase voll und sagt: ‚Dann lassen wir es eben‘, und schickt die Familie so heim.

Sebastian Bartels: Ja, das darf natürlich auf keinen Fall sein. Auch auf unseren Schultern sollte da das Angebot stehen, eine geheime Durchwahl mit den lokalen Kliniken zu besprechen, also zumindest mache ich das so. Wir haben eine Praxisnummer, die nicht an Patienten weitergegeben werden darf, aber die in den Kliniken vorliegt. Wenn jemand zwischen den Dienstzeiten durchklingeln möchte, dann ist eine Erreichbarkeit durchgehend gewährleistet. Das finde ich dann super, wenn Sie dann diesen Schritt machen würden zu sagen: ‚Okay, das ist eine kinderärztliche Einweisung, wir sehen das jetzt aber anders als es vielleicht vor zwei Stunden gesehen worden ist. Wir rufen kurz an. Sind Sie damit einverstanden oder gibt es vielleicht soziale Hintergründe, die jetzt so nicht augenscheinlich sind, die Sie dazu bewogen haben, die Einweisung auszustellen?‘ Das finde ich eine super Regelung. Ich kenne es aus meiner eigenen Assistenzarztzeit, dass die Einweisung des niedergelassenen Pädiaters vom Assistenzarzt im Notdienst eigentlich nicht in Frage gestellt worden ist. Wenn, dann hätte es eine oberärztliche Nachfrage oder Ablehnung der Einweisung gegeben.

Axel Enninger: Jetzt hat ja der eine oder andere niedergelassene Kollege Sorge, seine Geheimnummer weiterzugeben aus Sorge, die wird dann irgendwann doch mal an Eltern weitergegeben oder irgendwie im Netz geleakt. Wie sind Ihre Erfahrungen da?

Sebastian Bartels: Die Sorge kann ich persönlich eigentlich nicht teilen. Ich denke auch, im schlimmsten Fall, wenn das wirklich passieren sollte – aber dieses Vertrauensverhältnis zu den umliegenden Kliniken habe ich auf jeden Fall, dass das eigentlich nicht passiert. Solche Erfahrungen habe ich in meiner kurzen niedergelassenen Zeit von zweieinhalb Jahren bisher nicht gemacht, kenne sie aber andersherum auch nicht aus meiner Klinikzeit. Da war ein verschlossenes Büchlein mit den Telefonnummern, das in einer abgeschlossenen Kassette lag, und da wurde nur drangegangen, wenn man das zwingend gebraucht hat. Diese Nummern sind nie in Umlauf geraten. – Im schlechtesten Fall: Wir haben eine Telefonanlage und wenn da auf einmal ständig angerufen werden würde, dann würde ich die Endnummer wieder ändern.

 

Wiedervorstellungen am Wochenende

Axel Enninger: Aber das heißt, kurzer Zwischenappell an die Kliniken, gucken, ob man es hinbekommt, ob man eine Einweisertelefonnummer bekommt, damit die niedergelassenen Kinder- und Jugendärzte anrufen können und umgekehrt an die Praxisbesitzer, zu sagen: ‚Für uns wäre es schon sinnvoll, wir würden eine Geheimnummer haben‘, also für die Kliniken eine Geheimnummer zu haben. Gegenseitiger Appell, noch mal kurz überprüfen, wie die Erreichbarkeit tatsächlich ist. Erreichbarkeit ist vielleicht auch das nächste Thema für solche Grauzonenfälle. Ich habe jetzt gerade relativ frisch gelesen, dass trotz Leitlinie Otitis media immer noch viel zu viele Kinder antibiotisch behandelt werden. Da sind die niedergelassenen HNO-Kollegen besser als wir Kinder- und Jugendärzte. Und Teil des Themas ist wahrscheinlich auch, dass in der Leitlinie steht: am Anfang gucken, Diagnose stellen und dann nach 24 bis 48 Stunden noch einmal nachschauen, wie es denn geht. Und das ist natürlich blöd, wenn sich das Ganze an einem Freitag abspielt oder an einem Donnerstagabend, denn dann ist in der Nachbeobachtungszeit im Zweifelsfall die Praxis zu. Wie gehen wir denn damit um?

Sebastian Bartels: Also, ich persönlich weite dann die Empfehlungen ein bisschen aus oder verkürze sie im Zweifelsfall so, dass das Wochenende nicht betroffen ist. Aber wenn es jetzt wirklich ein Patient ist, wo ich denke, der muss am Sonntag kontrolliert werden, dann haben wir ja – zumindest in unserer Region, das mag in anderen Regionen unterschiedlich sein – auch den kinderärztlichen Notdienst, den kinderärztlichen Bereitschaftsdienst, der von uns Niedergelassenen gestellt wird. Idealerweise findet der an einer Kinderklinik statt, damit der zentrale Anlaufpunkt auch für die Eltern klar ist, aber der dort nicht durch das Klinikpersonal stattfindet, sondern durch die niedergelassenen Pädiater in regelmäßiger Vertretung. Das wäre etwas, wo ich sage: ‚Okay, das müssen wir uns am Sonntag noch mal anschauen. In der Vermeidung antibiotischer Behandlung vorweg bitte einmal im kinderärztlichen Notdienst in die Ohren schauen lassen am Sonntag!‘

 

An einem Strang ziehen, kinderärztliche Notdienstzeiten, Aufklärungsarbeit

Axel Enninger: Das gibt es tatsächlich an ganz vielen Stellen. Auch in Stuttgart gibt es das zu den üblichen und bekannten Zeiten und das wird es an vielen Kinderkliniken geben, dass niedergelassene Kinder- und Jugendärzte ihre Notdienste machen. Aber dann bitte – das sage ich jetzt wieder als Klinikdoktor – dann bitte mit Verweis auf die Arbeitszeiten dieses Notdienstes. ‚Gehen Sie mal ins Olgäle und lassen mal nachgucken!‘ führt halt auch dazu, dass da jemand um 22:00 steht und sagt: ‚Ich wollte noch mal schnell in die Ohren gucken lassen.‘ Oder morgens um 6:30: ‚Wieso? Sie sind doch sowieso immer da!‘ Also da würde ich mir als Klinikchef wünschen zu sagen: ‚Hier, ja, geht in eure Kinderklinik, aber bitte haltet euch an die Notdienstzeiten, die wir Kinder- und Jugendärzte euch anbieten.‘

Sebastian Bartels: Da bin ich absolut bei Ihnen. Als jemand, der in noch nicht so langer Vergangenheit selbst genug Nachtdienste gemacht hat und sich genau über diese Fälle geärgert hat, bin ich da auch ziemlich rigoros in der Rückmeldung an meine Eltern, wenn solche Notdienstberichte von 24:00 Uhr aus der Klinik mit 0815-Beschwerden kommen, wo ich sage: ‚Das hätten wir auch am nächsten Tag bei uns machen können.‘ Das finde ich auch wichtig. Ich denke, da müssen wir als Praxis und Klinik auch ein bisschen an einem Strang ziehen. In der heutigen Zeit merken wir einfach, dass die Familien und die Eltern einen enormen Versorgungsanspruch haben. Es soll immer mehr gemacht werden und alles am besten bis ins Unendliche kontrolliert werden, aber gleichzeitig ist auch überhaupt gar keine Kompetenz mehr da in der Versorgung banaler Leiden oder Beschwerden. Also das Fieber ist manchmal in vielen Elternaugen schon eine schwere Erkrankung und die Kompetenz, es eins, zwei Tage erst einmal in eigenen Händen zu behandeln, Fieber zu senken, Wadenwickel zu machen oder was auch immer, die ist

häufig nicht mehr so da, wie das vielleicht noch vor einigen Jahren der Fall war. Es fehlt häufig auch ein bisschen an der Medienkompetenz. Das Internet ist auch ein Fluch. Man googelt alles und bei Fieber kommt direkt die Meningokokkensepsis und das ist extrem verunsichernd. Und ich denke, da müssen wir alle gemeinsam als Kinder- und Jugendärzte auch einen wichtigen Part der Aufklärungsarbeit leisten.

Axel Enninger: Okay, jetzt bleiben wir noch einmal beim Thema Einweisung. Wir hatten gesagt, es gibt ein paar glasklare Geschichten, der nackensteife Patient, der fiebernde Patient, bei dem Petechien aufschießen, völlig klar. Dann gibt es aber auch dieses Szenario: Der niedergelassene Kinder- und Jungendarzt fühlt sich überfordert und sagt: ‚Der ist nicht so krank, dass ich jetzt eine Notfalleinweisung ausstellen muss, aber da sind Befunde, die kriege ich nicht gut zueinander. Ich habe jetzt Basisdiagnostik gemacht und komme einfach nicht weiter.‘ Da gibt es manchmal Einweisungen, wo wir dann ein bisschen die Stirn runzeln und denken: ‚Naja, da hätte er ja mal vorher anrufen können und mal fragen können, was er denn schon noch machen kann.‘ Was denken Sie zu solchen Situationen? Wie können wir solche Dinge vermeiden, wo die Kinder irgendwie ein Problem haben, aber nicht so ein Problem haben, dass wir da als Klinik akut ran müssen?

Sebastian Bartels: Genau. Also gerade bei den nicht hoch-akuten Dingen bin ich jemand, der gerne den Kontakt zum Spezialisten sucht. Seien es auffällige Blutbefunde oder erhöhte Transaminasen. Das ist gerne so ein Punkt, den wir auch schon im Vorgespräch hatten. Das sind alles Dinge, die nicht von heute auf morgen geklärt werden müssen. Da bin ich durchaus dankbar, wenn ich per Mail Kontakt aufnehme zu den Klinikern vor Ort und ich innerhalb der nächsten zwei, drei Tage tatsächlich eine kurze Rückmeldung bekomme mit einem Vorschlag, was man vielleicht schon mal machen könnte, wo man noch mal schauen könnte, wo ich einen zusätzlichen Input kriege, wenn ich nicht mehr weiter weiß, aber denke, ich könnte vielleicht noch etwas machen und man dann vielleicht ab einem gewissen Punkt gemeinschaftlich entscheidet: ‚Okay, das war jetzt nur kontrollbedürftig, es hat sich ganz erledigt‘, oder dann irgendwann sagt: ‚Okay, das muss doch stationär abgeklärt werden.‘ Aber dann sind gewisse Prozeduren, ein bisschen Pre-Work-up in der Praxis schon gelaufen, und dazu bin ich auch gerne bereit.

Axel Enninger: Also das machen wir in der Tat auch so. Transaminasenabklärung hatten Sie gesagt. Da gibt es bei uns für ganz, ganz viele Dinge Standards und Anordnungsbögen. Sie rennen bei uns offene Türen ein, wenn Sie als niedergelassener Kinder- und Jugendarzt sagen: ‚Hier, kann ich da noch irgendetwas tun? Welche Diagnostik fällt Ihnen noch ein?‘ Das stellen wir sicher gerne zur Verfügung. Womit wir nicht so gute Erfahrungen gemacht haben, war mit Diagnostikvorschlägen, bevor Kinder in unsere Spezialambulanzen geschickt werden. Das hatten wir mal eine Weile auf unserer Homepage stehen. Wir haben gesagt, wir wünschen uns, bevor ihr ein Kind in die Gastro-, in die Rheuma-, in die Sonst-wie-Ambulanz schickt, folgendes Labor und auch Anamnese-Work-up. Das, haben wir gedacht, wäre eine kluge Idee und der eine oder andere Kinder- und Jugendarzt hier in Stuttgart hatte auch gesagt: ‚Ja, das ist doch toll!‘ Am Ende wurde es nicht benutzt. Was denken Sie dazu?

 

Der Kassenarzt muss sich an die WANZ-Kriterien halten

Sebastian Bartels: Schwierig, das jetzt aus der Ferne zu entscheiden. Sicherlich hat es mit gewissen Inhalten vielleicht auch Schwierigkeiten gegeben. Auf der anderen Seite ist natürlich jede Praxis auch unterschiedlich. Wir müssen immer berücksichtigen, die Praxis ist am Ende ein Wirtschaftsunternehmen. Der Kinderarzt führt dieses Unternehmen und er ist als Kassenarzt verpflichtet zur wirtschaftlichen, ausreichenden, notwendigen und zweckmäßigen Behandlung, die sogenannten WANZ-Kriterien. Ausreichend kennen wir alle aus der Schule, es ist Schulnote 4. Es ist nicht 3, nicht 2, nicht 1, sondern 4, und das ist manchmal in unseren Möglichkeiten dementsprechend auch beschränkend. Das heißt, es kann durchaus sein, dass bestimmtes Pre-Work-up, das vielleicht von Ihnen

vorgeschlagen wurde, von der ein oder anderen Praxis aus wirtschaftlichen Gründen einfach nicht machbar oder in ihren Praxisalltag einzubauen war. Das muss man sicherlich einzeln betrachten. Also wir, oder ich sage mal meine Praxiskolleginnen und ich haben uns ein großes, teures Ultraschallgerät angeschafft, weil es uns einfach wichtig ist, weil es zur Pädiatrie dazugehört. Aber so ein Gerät kostet 50.000 € und das zu refinanzieren mit einem Abdomen-Sono, das sicherlich 20–25 Minuten dauert, wenn man es gut machen will, wofür man, wenn überhaupt, gerade 16 € kriegt, das ist nicht machbar. Dementsprechend kann ich auch Kollegen verstehen, die nicht mehr bereit sind, da zu investieren.

 

Standard Operating Procedures und regelmäßig fragen, was zu optimieren ist

Axel Enninger: Also, es ging gar nicht um Sono, es ging um Labor, und ich glaube, so furchtbar teuer war das jetzt nicht, aber gut. Tatsache war, wir haben es versucht. Das war ein Angebot an die Niedergelassenen. Wie Sie sagen, gibt es Praxen, die machen das perfekt, da gibt es ein perfektes Pre-Work-up, und es gibt Praxen, wo man als Kliniker denkt: ‚Da hättest du dir jetzt vielleicht auch ein bisschen mehr Mühe geben können, bevor du das Kind losschickst.‘ Wie Sie sagen, die Vielfalt der Praxen ist sicherlich gegeben. Natürlich ist es für die eine oder andere Praxis vielleicht ein Problem, Blut abzunehmen oder andere Dinge vorzubereiten. Würden Sie trotzdem sagen, wenn wir Vorschläge machen – bleiben wir bei den Transaminasen – Runde 1: diese Labordiagnostik, Runde 2: diese Labordiagnostik und wenn Sie nicht weiterkommen, dann bitte schicken. Stationär schicken unter folgenden Kriterien, z. B.: die Gerinnung wird schlecht oder der Allgemeinzustand ist schlecht oder aber sagen: ‚Nein, das hat alle Zeit der Welt, Termin in der Gastro-Ambulanz!‘ Ist das für Sie okay oder ist das für Sie Bevormundung?

Sebastian Bartels: Ich würde mich da nicht bevormundet fühlen. Ich wäre dankbar über SOPs. SOPs sind ja auch eine Richtlinie. Das heißt ja nicht, es muss alles so gemacht werden, wie es da drinsteht. Es ist eine Empfehlung und an die Empfehlungen würde ich mich halten, und ich wäre dankbar für Empfehlungen, die ich bekomme, nach denen ich mich richten kann. Wenn ich aus bestimmten Gründen irgendwo etwas anders sehe, dann mache ich es vielleicht anders. Und dann, würde ich sagen, sollte man sich einmal im Jahr zusammensetzen und sagen: ‚Ist die SOP so richtig? Passt die für alle oder kann man da irgendwo auf Seiten der Klinik, auf Seiten der Praxis etwas ändern? Was ist zu optimieren? Was hat sich eventuell auch in der Leitlinie aktualisiert? Dafür ist, glaube ich, diese gemeinschaftliche Kommunikation und der Austausch ganz essenziell wichtig, um einfach zu fragen: ‚Was spricht gegen die SOP?‘ Also aus meiner Sicht: Ich bin dankbar, wenn man so gemeinsam im Kontakt ist.

Axel Enninger: Sie haben auch da gesagt, es gibt verschiedene Praxismodelle, und natürlich verstehe ich, wenn ein niedergelassener Kinder- und Jugendarzt alleine in einer Praxis ist, seine Facharztausbildung eine ganze Weile zurückliegt, dann hat er 15, 20 Jahre unfassbare klinische Erfahrungen, viel mehr klinische Erfahrung als all die Assistenzärzte – und auch die allermeisten Oberärzte – und auch der eine oder andere Chefarzt, der relativ jung in seiner Position ist. Da gibt es viel klinische Erfahrung. Trotzdem ist es manchmal so, dass man denkt: ‚Okay, der oder die arbeitet jetzt schon so lange alleine. Da wäre ein gewisses „Refreshen“ der Standardvorgänge auch durchaus sinnvoll.‘ Das ist auch so ein bisschen unser Eindruck. Da gibt es manche, wo man denken würde: ‚Naja, das ist auch ein Problem, wenn ich da die ganze Zeit allein in meiner Praxis sitze und wenig Austausch habe.‘

Sebastian Bartels: Ja, würde ich jetzt per se so für mich persönlich nachvollziehen. Ich bin auch jemand, der auf jeden Fall den Austausch haben wollte. Ich habe akut aus gegebenem Anlass eine Kinderarztpraxis – eine Einzelpraxis – übernommen, weil der Vorbesitzer verstorben ist. Und mir war in dem Moment, als ich mich dazu entschieden habe, diese Praxis zu übernehmen, schon klar, dass ich in

jedem Fall keine Einzelpraxis weiterführen werde, sondern dass ich eine Gemeinschaftspraxis möchte und dass ich mit mehreren ärztlichen Kollegen im Austausch sein möchte, nach bester Möglichkeit sogar vielleicht auch jemanden dabei habe, der eine andere Spezialisierung, eine andere klinische Erfahrung hat, um uns in der Praxis besser aufzustellen. Das, denke ich, ist in unserer Praxis hervorragend gelungen und das würde ich auch jedem so ans Herz legen. Ich denke, dass die klassische Einzelpraxis, wie sie früher existiert hat – ein Arzt, eine MFA – keine Zukunft mehr hat.

Axel Enninger: Wir kommen vielleicht gleich noch darauf. Das scheint mir auch so, gerade auch vor dem Thema der Arbeitszeitmodelle, der Arbeitszeiten. Eine Einzelpraxis bedeutet auch, dass zum Teil unfassbare Arbeitszeiten entstanden sind, mit der ganzen Bürokratie, Vor- und Nachbearbeitungen, und dass da immer weniger Menschen willig sind, solche Dinge auf sich zu nehmen, das verstehe ich gut. Ohne dass ich je, außer ein bisschen Praxisvertretung in meiner Assistenzarztzeit, in der Praxis gearbeitet habe, kann ich es mir auch gar nicht vorstellen, die Einzelpraxis zu betreiben. Aber jeder darf das natürlich selbst entscheiden. Sie haben schon darauf hingewiesen, dieser regelmäßige Austausch und auch regelmäßiges Überprüfen der SOPs, was wir in der Klinik natürlich ständig machen müssen, und wo ich natürlich auch als Klinikleiter immer sage: ‚Ja, ist denn das noch aktuell?‘ Oder ein junger Assistenzarzt sagt: ‚Hier, da gibt es die neue Leitlinie, die haben wir noch nicht gelesen. Unsere SOP passt nicht, die müssen wir anpassen!‘ Da ist bei uns natürlich viel Austausch und ich glaube, vielleicht können auch die Kinder- und Jugendärzte davon profitieren, wenn wir diesen Austausch nach außen in die Praxen tragen. Insofern finde ich das von Ihnen vorgeschlagene Thema „Regelkommunikation“ durchaus sehr, sehr wichtig, auch gerade über Fachliches.

 

Gemeinschaftliche Weiterbildung

Sebastian Bartels: Absolut. Das würde ich auch unterstreichen, aber gerne auch in beide Richtungen. Also ich denke, der eine oder andere Assistenzarzt kann durchaus viel lernen von der Fortbildung aus der niedergelassenen Praxis und der Niedergelassene nimmt gerne Aktualisierungen in der Leitlinientherapie aus der Klinik entgegen. Genau dafür halte ich solchen Austausch und Qualitätszirkel für unheimlich wertvoll und wichtig und denke, da ist auch ein Thema sicherlich die neue Weiterbildungsordnung und die Möglichkeit der gemeinschaftlichen Weiterbildung im Verbund zwischen Praxis und Klinik.

Axel Enninger: Absolut. Ein riesiges Feld und auch ein nicht ganz unproblematisches Feld. Nüchtern betrachtet ist völlig klar, da gibt es bestimmte Inhalte, die sind eindeutig in der Praxis besser zu lernen als umgekehrt. Andererseits gab es, sag ich jetzt als Klinikchef, auch die eine oder andere Positionierung von Vertretern des Berufsverbandes, die gesagt haben: ‚Naja, beantragt doch jetzt mal alle 54 Monate Weiterbildung in der Praxis!‘ Das ist dann auch so, dass uns Klinikchefs, hätten wir Haare, sie uns zu Berge stehen würden. Das ist sicher inhaltlich sinnvoll, aber im Detail nicht ganz einfach zu regeln.

Sebastian Bartels: Absolut. Und die Betonung ist auf gemeinschaftliche Weiterbildung; weder nur in der Klinik noch nur in der Praxis. Jeder hat da seinen Stellenwert. Wir sprechen hier über gute Kommunikation. Gute Kommunikation bedeutet gemeinsames Miteinander. Das geht nur Hand in Hand und in einem guten Austausch. Da ist es kontraproduktiv, wenn man sagt: ‚Wir machen jetzt die Weiterbildung allein.‘

Axel Enninger: Lassen Sie uns doch noch mal bei unseren alltagspraktischen Themen bleiben. Ich eröffne jetzt mal das Themenfeld: Der Niedergelassene darf jetzt mal mit der Klinik meckern. Was sind Punkte, wo sie sagen würden: ‚Hey Leute, das nervt dermaßen. Lasst es doch bitte mal sein.‘

 

Explizite Individualempfehlungen anstelle von banalen Textbausteinen

Sebastian Bartels: [Schmunzelt.] Es sind vor allem die Banalitäten oder die klassischen Textbausteine, die unbedacht in Empfehlungen reingetackert werden, ohne dass sie großartig überdacht werden. Ich denke, beim normalen Patienten ohne jegliche Besonderheiten brauchen wir nicht darauf hinzuweisen, dass wir den nach STIKO-Empfehlungen impfen wollen. Das ist unser Anliegen als niedergelassene Pädiater. Dazu brauche ich keinen Hinweis des Klinikers. Im Gegenteil wäre es dann sinnvoll, wenn der Patient, der gerade nach Chemotherapie ist oder besondere Medikamente hatte, die eventuell eine Lebendimpfung auf kürzere Zeit erst mal verhindern, dass man so eine explizite Individualempfehlung hineinschreibt, das würde ich absolut befürworten. Aber diese Pauschalitäten mit den STIKO-empfohlenen Impfungen, das halte ich für nicht notwendig und gerne genommen ist ja auch…

Axel Enninger: Lassen Sie mich zu der STIKO-Geschichte kurz etwas sagen: Also ich sehe das auch so bei einem sonst bisher normal geimpften Kind. Manchmal ist das aber auch Ausdruck der Verzweiflung, dass man da einen 5-Jährigen hat und der hat einmal Diphtherie/Tetanus gekriegt und sonst noch gar nichts. Da sitzen wir hier in Stuttgart manchmal auch in einem Gebiet, wo man sich den Impfpass anguckt und – auch da wieder –hätten wir Haare, würden sie zu bei uns zu Berge stehen! Das ist, glaube ich der Grund, warum da manchmal Impfung nach STIKO steht, damit auch die Eltern, die diesen Brief mit nach Hause nehmen, sagen: ‚Oh, Impfung nach STIKO, vielleicht denken wir doch noch einmal drüber nach.‘ Vielleicht ist das Teil des Bausteins. Versuch einer kleinen Entschuldigung. Aber Banalitäten, da haben Sie völlig recht, müssen wir da nicht hineinschreiben.

 

Medienkompetenz der Eltern? Ein geschautes YouTube-Video kann eine halbe Stunde Beratung bedeuten

Sebastian Bartels: Ja, also da dürfen Sie gerne reinschreiben nach STIKO-Empfehlungen. Wenn er bis drei oder vier Jahre noch nicht geimpft ist, dann liegt das zwar meistens nicht am Pädiater, sondern eher an den Eltern, aber dessen nehmen wir uns dann gerne noch einmal an, da nachzuhaken, auch wenn wir das im allgemeinen Alltag eigentlich schon täglich tun. Aber, ja, es stellt uns auch immer wieder vor Herausforderungen. Impfen ist, einmal mehr mit Corona, ein sehr, sehr brisantes Thema geworden, und ich hatte es schon einmal erwähnt, Medienkompetenz ist auch ein Thema. Eltern, die ein YouTube-Video gesehen haben, das sagt, Impfen ist doof, können uns 30 Minuten beschäftigen in der Beratung, um sie von der Sinnhaftigkeit des Impfens zu überzeugen. Was, wie sich schnell heraushorchen lässt, nicht wirtschaftlich ist, aber unser dringlichstes Anliegen als Pädiater.

Axel Enninger: Also Banalitäten nicht reinschreiben, das wäre jetzt der Arztbrief. Zum Notdienstzettel haben Sie im Vorfeld auch gesagt, was Sie immer nervt: „Wiedervorstellung beim Kinderarzt“.

Sebastian Bartels: Ja, die standardmäßige Wiedervorstellung hat der Assistent im Notdienst manchmal auch nur reingeschrieben, weil er sich gerade ärgert, dass sie da sind und sagt: ‚Okay, damit sie noch mal eine kleine Hürde haben, sollen sie morgen zum Kinderarzt gehen.‘ Oder es steht einfach als Textbaustein drin. Wenn da eine Unsicherheit im Notdienst ist – Der Assistent guckt sich ein Kind an, das ist ein fiebernder Säugling und er denkt: ‚Ja, es ist wahrscheinlich ein Infekt. Es ist soweit gut drauf, aber so richtig viele Infektzeichen sehe ich nicht. Ich denke, ich muss nicht stationär aufnehmen, aber da sollte doch noch mal eine Kontrolle stattfinden.‘ Und dann halte ich es für absolut angebracht, dass man doch einfach unter den Notdienstbericht schreibt „Kontaktaufnahme mit dem Kinderarzt“. Dann wissen die Eltern, sie sollen sich beim Kinderarzt melden und nicht morgens einfach um 8:00 vor der Praxis stehen. Auch wir haben letztendlich einen Terminkalender und wir wollen sortiert und ordentlich arbeiten und haben auch unterschiedliche Zeiten, wo wir Infektpatienten anschauen und wo wir

Vorsorgen betreiben. Dafür ist es dann ganz wichtig, dass wir sagen „Kontaktaufnahme“ statt einfach „Wiedervorstellung“ und die auch ein bisschen hinterfragen. Ich denke, wenn der…

Axel Enninger: Oder den Grund hinschreiben oder sagen: Wiedervorstellung, weil…? Dann ist es transparent für alle.

Sebastian Bartels: Ja.

Axel Enninger: Dann erinnere ich mich noch aus unserem Vorgespräch, dass es Dinge im Arztbrief gibt, die Sie nerven. Raus damit, los! [Lachen.]

 

Bitte keine Romane im Arztbrief!

Sebastian Bartels: Ja, ich denke, wir brauchen keine lang geschriebenen Romane. Es gibt so viel Text und Briefe in der Praxis zu lesen, was einen schon wirklich beschäftigt. Die 0815-Gastroenteritis muss wirklich keinen Drei-Seiten-Brief haben und auch keine fünf Seiten angehängte Laborbefunde. Da ist es einfach wünschenswert, wenn es wirklich nur das Essentiellste beinhaltet. Wenn in dem Klinikaufenthalt mal etwas Außergewöhnliches passiert, das auch neben der Diagnose noch stattfindet und das zu bestimmten Empfehlungen führt, dann sollte da auch ein entsprechender Verweis drin sein. Also wenn ich eine Gastroenteritis habe, und mit Klinikaugen betrachte, lispelt ein Kind mit sieben Jahren noch so stark, dass man Logotherapie empfiehlt, dass sich das dann auch in den Diagnosen eingebaut findet und es nicht nur in der Entlassempfehlung drinsteht. Das halte ich für sinnvoll, dass wir Heilmittel nur verordnen aufgrund von indizierten Diagnosen. Häufig sind es leider auch Teilleistungsbereiche, die betroffen sind, gerade was die Ergotherapie angeht. Die klassische Konzentrationsschwäche, die gerne genommen wird, da soll doch mal bitte Ergotherapie stattfinden, was keine Verordnungsindikation darstellt und dass man da zum Beispiel im Austausch ist.

Axel Enninger: Das heißt, da ärgern Sie sich über eine gewisse Bevormundung.

 

Schwierigkeit Heilmittelverordnungen und Medikamente

Sebastian Bartels: Genau, das würde ich so ein bisschen als… als Bevormundung jetzt vielleicht nicht sehen. Letztendlich muss der Niedergelassene es ja verschreiben nach seinem Ermessen, ob da ein Klinikbrief vorliegt oder nicht. Es erschwert deutlich die Arzt–Patienten-Bindung und Elternkommunikation, wenn die Klinik etwas empfiehlt, was dann der Niedergelassene aus organisatorischen oder Zulassungsgründen oder was auch immer nicht befolgt. Das ist dann immer eine Herausforderung.

Axel Enninger: Also, da erinnere ich mich an meine schon lang zurückliegende Assistenzarztzeit, wo dann manchmal Eltern auch noch gesagt haben: ‚Können Sie das nicht mal in den Brief schreiben? Ich habe schon mit Dr. Bartels fünfmal über Ergotherapie gesprochen.‘ In der Tat, möglicherweise liegt es daran. Appell an die Klinikärztinnen und -ärzte sich zu überlegen, was man dem niedergelassenen Kollegen damit aufbürdet. Okay, also das war Heilmittelverordnung. Medikamente?

Sebastian Bartels: Medikamente. Ja, ich denke, Medikamente sind natürlich ein Thema in der Niederlassung aufgrund unseres Arzneimittelbudgets. Sie wissen das noch mal aus einer besonderen Perspektive mit Ihrer Spezialambulanz und den vielen teuren Biologika, die Sie bei Ihren Morbus-Crohn-Patienten sicherlich haben. Das ist etwas, was in der Praxis durchaus manchmal schwierig darstellbar ist. Wir wissen, dass bestimmte Medikamente gerne in der Klinik verordnet werden, bei Epileptiker auch anti-epileptische Therapien eingeleitet werden, wo dann am Ende das Medikament aber gar keine

Zulassung entweder für den Kinder- und Jugendbereich im Allgemeinen oder eben speziell für diese Diagnose hat. Dann stellt uns das vor große Schwierigkeiten, weil es im schlechtesten Fall einen Regress bedeuten kann.

 

Angst vor der Verschreibung teurer Medikamente in der Kinderarztpraxis?

Axel Enninger: Das heißt Verordnung von teuren Medikamenten, wie machen wir das? Reden wir da miteinander? Also, der Eindruck ist manchmal, dass teure Medikamente zu so einem Reflex führen, das soll die Klinik verordnen. Was wir auch fast immer tun, weil wir natürlich in unseren Ermächtigungsambulanzen anders beobachtet werden von der KV. Aber ehrlich gesagt, manchmal nervt mich dieser Reflex auch, dass alles, was irgendwie teuer und selten ist, von uns aufgeschrieben werden soll.

Sebastian Bartels: Ja, das kann ich verstehen. Der Reflex allein, teures Medikament können wir nicht verordnen, ist auch sicherlich nicht ganz begründet. Trotzdem ist es in erster Linie einmal so, dass teuer Angst verursachen kann. Es gibt einfach ein festes Arzneimittelbudget. Das ist ganz pauschal für unsere Praxis hier in Rheinland-Pfalz 27 € pro Patient. Das heißt, wenn ich 1.000 Patienten im Quartal als Kinderarzt habe, dann darf ich 27.000 € verordnen. Wenn wir jetzt ein paar Biologika dabei haben, wo man schnell mal bei zwei 2.000 bis 3.000 € ist, dann merkt man, dass man da in Schwierigkeiten kommt. Es ist durchaus von Vorteil, wenn man als Niedergelassener keine Hustensäfte verschreibt. Dann hat man auch ein bisschen mehr Budget und das ist abgesehen vom Budget auch medizinisch sinnvoll. Aber genau da drehen wir uns im Kreis. Die Schwierigkeit ist dann, wenn dieses teure Medikament auch nicht die Zulassungskriterien erfüllt, begeben wir uns in eine Grauzone, die zu direkten Regressforderungen durch die Krankenkasse führen kann. Ersteres, was ich erklärt habe, wenn wir dieses Individualbudget reißen als Ärzteschaft. Sagen wir, okay, alle Ärzte haben ihr Arzneimittelbudget im Quartal eingehalten, dann gibt es keine weitergehende Prüfung. Wenn die Ärzteschaft aber über dem Arzneimittelbudget liegt, dann gibt es sogenannte Quotenregelungen. Dann wird bei jedem einzelnen Arzt und jeder Fachgruppe, das ist immer sehr unterschiedlich, genau geschaut. Bei den Kinderärzten gibt es da die Aut-idem-Quote. Wir dürfen nicht mehr als 5 % Aut-idem-Kreuze bei unseren Rezepten setze, wir müssen mehr als 90 % Generika verordnen und wir müssen mehr als 69 % der ADHS-Patienten mit Methylphenidat behandeln. Das sind die Hauptquoten bei den Kinder- und Jugendärzten. Wenn eine von diesen Quoten nicht erfüllt ist, dann kommt man in die weitergehende Prüfung und dann ist es eben nicht so, dass nur das geprüft wird, was auffällig ist, sondern dann wird alles geprüft und davor hat man Angst. Es gibt natürlich im Praxisalltag auch immer mal Flüchtigkeitsfehler und das kann dann schon zu sehr teuren Angelegenheiten führen.

Axel Enninger: Und das gilt alles auch, wenn es dumm läuft und meine Praxis hat jetzt fünf Crohn-Patienten, zwei Leukämie-Patienten und noch zwei Kinder mit irgendeiner fiesen rheumatologischen Erkrankung? Dann kann ich nicht sagen: ‚Hey, KV, ich habe folgende Praxisbesonderheiten, ich muss da anders getestet oder geprüft werden‘?

Sebastian Bartels: Genau, das funktioniert, aber erst im zweiten Schritt. Ich werde auffällig und dann muss ich mich begründen. Diese Begründung, so wie Sie es gerade gesagt haben, Praxisbesonderheiten, könnte ich dann nennen. Dann wird das im nächsten Schritt geprüft, und es ist die Frage, ob es so akzeptiert wird oder ob im Rahmen der Prüfung eben auch noch andere Bereiche angeschaut werden.

Axel Enninger: Okay, und das ist das, wovor der Niedergelassene erstens Sorge hat, zweitens kostet es Zeit, drittens in gewisser Weise Nerven, und das ist Teil der Erklärung, warum es manchmal reflexartig

ist: ‚Zu teuer, Klinikdoktor, schreib du es auf!‘ Ich glaube, wir haben eine ganze Reihe von Punkten erwähnt. Und wenn Sie unseren Podcast schon mal gehört haben – müssen Sie ja, sonst hätten Sie sich nicht gemeldet, also haben Sie ihn schon gehört – wissen Sie, dass es ein Standardelement gibt. Dieses Standardelement heißt Dos and Don’ts. Wir hatten uns im Vorfeld überlegt, Sie kriegen welche und ich kriege welche. Es geht ja um Klinik und Praxis und da darf ich mich jetzt mit dem Klinikstandpunkt auch ein bisschen einmischen.

Sebastian Bartels: Sehr gerne.

Axel Enninger: Also los. Sie dürfen starten. Sie sind der Gast.

 

Miteinander sprechen, Synergien erkennen, gemeinschaftlich nutzen und den Austausch suchen

Sebastian Bartels: Ich habe lange überlegt, aber ich würde es gerne tatsächlich im Sinne des Podcasts etwas allgemeiner halten, mein Do, würde aber erst das Don’t vorwegnehmen. Also das Don’t: Wir hatten es angesprochen, deshalb wiederhole ich es noch einmal: Bitte keine unüberlegten Floskeln und Textbausteine und nicht die standardmäßige Wiedervorstellung beim Kinderarzt aus Reflex. Das Do, und das ist jetzt das Allgemeinere: miteinander sprechen, Synergien erkennen, gemeinschaftlich nutzen und den Austausch miteinander suchen. Vor allem immer dann, wenn man das Gefühl hat, warum, wieso, weshalb? Macht das jetzt Sinn? Oder, bevor ich mich ärgere, einfach noch einmal versuchen, die Position zu wechseln, sich in den anderen hineinzuversetzen und zu gucken, ob es dann nicht doch etwas verständlicher wird.

Axel Enninger: Dann schließe ich mich Ihrem Do zu 100 % an und verzichte auf mein Don‘ t, weil man ja immer mit was Positivem enden soll. Eindeutig, es geht um gemeinschaftliche Kommunikation. Mal in die Schuhe des anderen steigen und einmal kurz innehalten, bevor man sich ärgert und überlegen, woran könnte es denn liegen? Und generell: Dass wir in der aktuellen Zeit alle unter Zeitdruck stehen, ist klar. Trotzdem ist Kommunikation das A und O und das wird auch die Herausforderung für die Kinderheilkunde in den nächsten Jahren bleiben. Vielen, vielen Dank, lieber Herr Bartels, das war echt ein sehr anregendes und angenehmes Gespräch. Ich hoffe, Ihnen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, hat es auch gefallen, Sie fanden es interessant, Sie fanden es vielleicht auch ein wenig hilfreich. Wenn ja, freuen wir uns über eine positive Bewertung auf den üblichen Portalen. Und wenn Sie noch nicht Abonnent sind, ist jetzt der Zeitpunkt es zu werden. Kostet natürlich nichts. Sie kriegen alle drei Wochen eine Erinnerungsnachricht, immer wenn eine neue Folge herauskommt. Immer alle drei Wochen in der Nacht von Donnerstag auf Freitag geht es los. Vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.

Sebastian Bartels: Ganz herzlichen Dank für die Einladung!

Sprecherin: Das war consilium, der Pädiatrie-Podcast. Vielen Dank, dass Sie reingehört haben. Wir hoffen, es hat Ihnen gefallen und dass Sie das nächste Mal wieder dabei sind. Bitte bewerten Sie diesen Podcast und vor allem empfehlen Sie ihn Ihren Kollegen. Schreiben Sie uns gerne bei Anmerkung und Rückmeldung an die E-Mail-Adresse consilium@infectopharm.com. Die E-Mail-Adresse finden Sie auch noch in den Shownotes. Vielen Dank fürs Zuhören und bis zur nächsten Folge!

Ihr Team von InfectoPharm