November 2019

Diesjährige Preisträgerin „Pädiater in Krisenregionen“ vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V.*

 

 

 

Mein Weg in die humanitäre Hilfe

Dr. Kathrin Baumgartner

„Schon während meines Medizinstudiums habe ich Famulaturen im Ausland, in Indien und Ägypten, absolviert. Die Begeisterung und das Interesse dafür, wie Medizin in anderen Teilen der Erde funktioniert, waren geweckt. Auch fremde Kulturen haben mich schon immer fasziniert.

Mein Traum, als Ärztin im Ausland tätig zu sein, wurde durch meine ersten Auslandsaufenthalte bestärkt. Vor allem Low Resource Countries haben mein Interesse geweckt. Wie funktioniert Medizin mit einfachen Mitteln? Was und wie kann man einfache Strukturen verbessern?

Während meiner Ausbildung zur Kinderärztin habe ich mehrere Fortbildungen im Bereich Tropenmedizin besucht, u.a. den tropenpädiatrischen Kurs der GTP.

Nach abgeschlossener Facharztausbildung fühlte ich mich bereit, den Schritt zu wagen. Die Suche nach einer geeigneten Entsendeorganisation und einem geeignetem Projekt gestaltete sich anfangs nicht einfach, aber nach einem Bewerbertreffen bei Cap Anamur und der Präsentation über deren Projekt im Sudan stand für mich fest, genau das soll es werden!

Ein halbes Jahr später stand ich in einer anderen Welt, im südlichen Sudan, in den Nubabergen. Der Schritt von einer Assistenzärztin aus einer spezialisierten Universitätsmedizin in eine leitende Ärztin eines ganzen Krankenhauses in einer instabilen Region mit nur basaler medizinischer Versorgung brachte so einige Herausforderungen mit sich. Aber wie sagt man so schön … man wächst mit seinen Aufgaben, aber der Weg ist manchmal ganz schön steinig.

Von Dezember 2015 bis Februar 2019 habe ich für Cap Anamur in den Nubabergen gearbeitet. Die Region im Grenzgebiet zwischen dem Sudan und dem Südsudan befindet sich seit Jahren im Bürgerkrieg mit dem Sudan. Das lokale Gesundheitssystem ist kollabiert und wird von wenigen NGO’s halbwegs aufrecht erhalten. In dem Gebiet leben ca. 500Tsd Menschen. Es gibt zwei Krankenhäuser, ca. fünf ausgebildete Ärzte und eine Handvoll ausgebildetes medizinisches Personal wie Clinical Officer, Krankenschwestern und Hebammen. Es mangelt an Allem.

 

Mein Team in Lwere Hospital

Cap Anamur betreibt neben einem Krankenhaus mit ca. 70 Betten und täglich ca. 200 ambulanten Patienten noch fünf Gesundheitsposten im Umland. Unser internationales Team bestand meist aus 3–5 Mitgliedern, meist einem Arzt, einer Krankenschwester, einer Laborantin, einem Techniker und einem Projektmanager.

Meine Hauptaufgaben lagen neben der Patientenversorgung in der Ausbildung des lokalen Personals sowie auch in der Personalführung und -organisation. Bei Engpässen wurden aber auch immer mal andere Aufgaben übernommen, wie etwa die logistische Versorgung der Gesundheitszentren oder Finanzaufgaben, sowie vieles mehr.

Die Zusammenarbeit mit anderen NGO’s und der lokalen Gesundheitsbehörde mit regelmäßigen Treffen zur Verbesserung der Gesundheitsstrukturen war ebenfalls eine neue, aber sehr bereichernde Erfahrung, welche mir große Freude gemacht hat.

 

Besuch in einem Gesundheitsposten | Hebamme bei der Versorgung von Zwillingsfrühgeborenen

 

Meine Herzensprojekte lagen in der Anschaffung eines neuen Ultraschallgerätes, der Ausbildung einiger lokaler Mitarbeiter sowie der Verbesserung der Neugeborenenversorgung durch intensives Training der lokalen Hebammen. Da es in der Bevölkerung noch sehr viel Aberglaube und teils Unwissen über die Vorteile der modernen Medizin gab, habe ich zusammen mit unseren weiblichen Mitarbeitern Frauentreffs im Dorf organisiert zur Verbesserung der Gesundheitsaufklärung der Frauen im Dorf.

 

Die Zeit in den Nubabergen war sicherlich anstrengend, aber auch unglaublich bereichernd.

Aufgrund von Personalengpässen arbeitete ich im Sommer 2018 zwei Monate für Cap Anamur in Sierra Leone. Dort unterstützt Cap Anamur das größte Kinderkrankenhaus im Land in der Hauptstadt Freetown. Durch den blutigen Bürgerkrieg und die schwere Ebola-Epidemie vor wenigen Jahren ist das Gesundheitssystem noch stark geschwächt.

Die Arbeit in Sierra Leone unterschied sich stark von der in den Nubabergen. Das reine Kinderkrankenhaus war staatlich geführt, aber von mehreren NGO’s unterstützt. Cap Anamur kümmert sich dort vor allem um die Intensivstation und eine Intermediate Care Einheit sowie um Medikamentenzuschüsse für Kinder über fünf Jahre (die Gesundheitsversorgung für Kinder unter fünf Jahre ist gratis). Meine Aufgabe war die Beratung der jungen Ärzte als Consultant auf den Stationen sowie die Koordination der Medikamentenzuschüsse an das Krankenhaus. Die Zusammenarbeit als NGO mit einem komplizierten staatlichen System sowie die Koordination mehrerer NGO’s stellte ganz neue Herausforderungen an mich. In zwei Monaten bekommt man natürlich nur einen kleinen Einblick, jedoch war auch dies eine sehr spannende und lehrreiche Erfahrung.

Nach drei Jahren humanitärer Hilfe habe ich mich entschieden, erstmals wieder den Schritt zurück nach Deutschland zu wagen, um wieder als Kinderärztin zu arbeiten. Dennoch bleibt ein Teil von mir mit der humanitären Hilfe verbunden, unter anderem als unterstützendes Vereinsmitglied bei Cap Anamur.

Durch eine glückliche Fügung bekam ich kurz nach meiner Rückkehr aus dem Sudan das Angebot als Vortragende und Ausbilderin bei dem 1. Pädiatrischen Ultraschallkurs in Nepal – organisiert durch die deutsche Gesellschaft für Tropenpädiatrie – dabei zu sein. Eine tolle Erfahrung und ich hoffe auf weitere Kooperationen in der Zukunft.

Meine bisherigen Erfahrungen im Ausland haben mich unglaublich bereichert, einerseits beruflich aber vor allem menschlich. Ich freue mich Neues zu lernen und mein Wissen auch in Zukunft an medizinisches Personal in Ressource schwachen Ländern weiterzugeben.

Das was man bei derartigen Einsätzen besonders lernt ist Dankbarkeit. Dankbarkeit darüber in einem so freien und reichen Teil dieser Erde aufgewachsen zu sein. Dies ist ein großes Privileg und durch Unterstützung und Wissensweitergabe an jene, die es schwerer haben, möchte ich davon einen kleinen Teil zurückgeben.“

 

Online Spenden für die Cap Anamur:

https://www.cap-anamur.org/spenden/jetzt-spenden/

Spendenkonto:

IBAN: DE85 3705 0198 0002 2222 22
BIC: COLSDE33
Sparkasse KölnBonn

 

* Zur festlichen Eröffnung des 47. Herbst-Seminar-Kongress des BVKJ Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e. V am 10. Oktober in Bad Orb bekam Dr. Kathrin Baumgartner die Auszeichnung Pädiater in Krisenregionen verliehen. InfectoPharm unterstützt zum zweiten Mal diesen jährlichen Preis mit einer Spende in Höhe von 5.000,– €.

Dr. Kathrin Baumgartner. Rechtes Foto auf der Preisverleihung mit Dr. Andreas Rauschenbach, Leiter Ärzteservice und Kommunikation InfectoPharm.